
766 Stufen über Berlin - David C. Morrow Sr.
Wie ich die Geschichte von David C. Morrow Sr. fand
Nicht jede Geschichte in diesem Projekt beginnt mit einem Interview. Diese fand ich im Briefkasten, viele Jahre nachdem sie geschrieben wurde.
Als ich Unterlagen durchsah, die der Luftbrückenforscher Eddie Ide mit mir geteilt hatte, stieß ich auf die Kopie eines kurzen Briefes, den David C. Morrow ihm 2017 geschrieben hatte. Er war nicht als historischer Bericht gedacht. David wollte Eddie lediglich mitteilen, dass er, inzwischen fast neunzig Jahre alt, nicht mehr an den Treffen der Berlin Airlift Veterans Association teilnehmen könne. Dennoch wolle er weiterhin gerne den Verein unterstützen.
Fast beiläufig fügte er einige Erinnerungen an seine Zeit in Berlin hinzu.
Schon nach wenigen Zeilen war mir klar, dass ich hier eine kleine Geschichte war.
Bis dahin hatte ich Geschichten von Piloten, Mechanikern, Berliner Kindern und vielen anderen Menschen gesammelt, deren Leben von der Luftbrücke geprägt wurde. David stellte mir durch seinen Brief jemanden vor, dem ich in diesem Projekt bisher noch nicht begegnet war: einen Soldaten, der während der gesamten Luftbrücke eine Funkrelaisstation auf der Spitze des Berliner Funkturms betrieb.
Sein Brief ist kurz, eröffnet aber einen seltenen Einblick in eine der vielen unsichtbaren Aufgaben, die dazu beitrugen, die Luftbrücke Tag für Tag und rund um die Uhr am Laufen zu halten. Manchmal genügt schon eine einzige Seite, um ein Stück Geschichte zu bewahren, das sonst vielleicht verloren gegangen wäre.

766 Stufen über Berlin
David C. Morrow Sr.
Funker an einer Funkrelaisstation auf dem Berliner Funkturm
Basierend auf einem Brief, den David 2017 an den Luftbrückenforscher Eddie Ide schrieb.
Wenn Menschen an die Berliner Luftbrücke denken, haben sie meist die endlose Reihe von C-47- und C-54-Maschinen vor Augen, die den Himmel über Deutschland durchquerten. Nur wenige denken an die Männer, die dafür sorgten, dass die Piloten während ihrer gesamten Einsätze Funkkontakt halten konnten.
Für David C. Morrow begann die Berliner Luftbrücke mit einem Erlebnis, das er nie vergaß: Im Mai 1948 bestieg er zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug. Der Militärzug zwischen Frankfurt und Berlin war bereits eingestellt worden. Deshalb wurden David und sein Kamerad Samuel Mauney nach Frankfurt geschickt, um dort mit einer der ersten C-47 „Gooney Birds“ in die eingeschlossene Stadt zu fliegen.
Während der gesamten Luftbrücke versah David seinen Dienst ganz oben auf dem Berliner Funkturm. Dort bediente er rund um die Uhr eine Funkrelaisstation. Seine Mannschaft arbeitete im Acht-Stunden-Rhythmus: von 8 bis 16 Uhr, von 16 bis 24 Uhr und von Mitternacht bis 8 Uhr.
Der Dienst brachte eine besondere tägliche Herausforderung mit sich. Wer die Frühschicht hatte, konnte den Aufzug benutzen, denn dann war ein Aufzugsführer im Dienst. Wer jedoch zur Spät- oder Nachtschicht erschien, hatte nur einen Weg nach oben.
766 Stufen unter freiem Himmel bis zur Spitze.
Im Winter wurde dieser Aufstieg noch beschwerlicher. Mit dicken Parkas gegen die eisige Kälte und den Wind stiegen die Männer die Treppen hinauf. Manchmal waren die Stufen vereist, sodass sie im Dunkeln besonders vorsichtig gehen mussten.
Oben angekommen, spendeten die Wärme der Funkgeräte und einige kleine Heizgeräte etwas Schutz vor der Kälte. Fiel der Strom aus, sorgte ein Generator dafür, dass die Funkstation weiterarbeiten konnte.
Jahrzehnte später erinnerte sich David in seinem Brief noch an etwas anderes, das sein Leben nachhaltig prägen sollte.
Während der Luftbrücke lernte er in Berlin eine junge Frau kennen. Später fanden sie, wie er es selbst nannte, „durch ein Wunder“ wieder zueinander. Sie heirateten und waren 50 Jahre und 10 Monate miteinander verheiratet, bis sie 2005 verstarb.
Kurz vor seinem 90. Geburtstag schrieb David an in seinem Brief an Eddie Ide, dass ihn seine Dialysebehandlungen daran hinderten, künftig an den Veteranentreffen teilzunehmen. Seinen Brief beendete er jedoch mit Dankbarkeit und der Zusicherung, die Berlin Airlift Veterans Association weiterhin zu unterstützen.
Die Geschichte der Berliner Luftbrücke erzählt oft von den Flugzeugen, die Berlin versorgten. David Morrows Erinnerungen lenken den Blick auf einen ebenso unverzichtbaren Teil dieser außergewöhnlichen Leistung: auf die Männer, die Schicht für Schicht die 766 Stufen des Berliner Funkturms hinaufstiegen, um die Kommunikationsverbindung der Luftbrücke aufrechtzuerhalten.
